Der Superheld mit Hightech-Prothese

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Er setzt sich als einhändiger Superheld für Kinder mit einer körperlichen Beeinträchtigung ein, bekämpft Mobbing und bewältigt seinen Alltag mit der neuesten Hightech-Prothese, die es derzeit auf dem Markt gibt.

Michel Fornasier alias Bionicman im Interview

Sie sind ohne rechte Hand auf die Welt gekommen. Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?

Mein jüngerer, zweihändiger Bruder und ich durften sehr behütet aufwachsen. Meine Eltern haben uns genau gleich erzogen – also mit der gleichen Strenge und mit der gleichen Liebe. Ich habe nie eine Sonderbehandlung erhalten, nur weil mir die rechte Hand fehlt. Und ich denke, das ist auch ganz wichtig. Es ist wichtig, dass man Menschen mit Beeinträchtigung nicht anders behandelt, denn wir alle sind Teil dieser Gemeinschaft.

Wann haben Sie Ihre erste Prothese bekommen?

Meine allererste Handprothese erhielt ich mit sieben Jahren. Das war eine rein kosmetische Handprothese, ohne Funktionalität, eine Art «Patschhand». Die sah hautfarbig aus, aber war halt doch keine menschliche Hand. Ich akzeptierte diese Prothese nie.

Wie reagieren die Menschen auf Ihre fehlende Hand oder auf Ihre Handprothese?

Früher schwang bei den Leuten immer ein gewisses Mitleid mit. Sie dachten wohl: «Oh, der arme Junge, der arme Mann. Der kann vermutlich nicht mal selbständig seinen Reissverschluss bei der Jacke schliessen oder braucht Hilfe, um die Schuhe zu binden.»

Heute ist die Optik meiner Mitmenschen eine komplett andere: Jetzt schauen viele auf diese Science-Fiction-artig anmutende Hand und sind faszinierend davon.
Michel Fornasier

Jetzt kommen die Leute auf eine sehr positive Art auf mich zu und fragen: «Wie funktioniert denn das?» Die Leute sind begeistert von der ganzen Technik.

Sie tragen seit einigen Jahren eine bionische Handprothese. Was genau zeichnet diese aus?

Diese bionische Handprothese ist zurzeit das Modernste, was es im Bereich Prothetik gibt. Die künstliche Hand verfügt über sechs unabhängige Motoren sowie einen verchromten Karbonschaft. Sie kann weit mehr, als nur eine simple Greifbewegung ausführen. Mit Hilfe einer Smartphone-App kann ich aus 25 verschiedenen Griffmustern wählen und meine Handprothese so individuell programmieren. Da gibt es beispielsweise einen Pinzetten-Griff, der im Kino ganz praktisch ist um nach Popcorn zu greifen. Zudem kann ich meine Prothese via Mikrochips steuern, die beispielsweise am Velo angebracht sind. Auf den kleinen, rechteckigen Objekten ist ein Griffmuster programmiert. Wenn sich meine Hand nähert, kommunizieren diese via Bluetooth und es stellt den richtigen Handgriff ein, um den Velolenker zu greifen.

Wie ganz konkret steuern Sie denn diese Hand?

Bei meinem rechten Arm ist der komplette Unterarm noch vorhanden. Ich kann auch das Handgelenk nach oben und unten bewegen und so den Beuge- und den Streckmuskel im Unterarm aktivieren. Im Armschaft dieser Handprothese sind zwei Elektroden eingebaut, eine oben und eine unten. Diese beiden Elektroden dienen als Berührungspunkte. Beuge ich das Handgelenk nach oben, touchiert der obere Muskel die obere Elektrode und macht, dass die Hand sich öffnet. Wenn ich das Handgelenk nach unten biege, touchiert der untere Muskel die untere Elektrode und macht, dass die Hand sich schliesst. Dank den in der Smartphone-App definierten Griffmustern und verschiedenen Muskelkontraktionen kann ich so unterschiedliche Griffe ausführen und sogar einzelne Finger bewegen.

Das klingt kompliziert und nach hartem Training?

Ja, ich erinnere mich, wie ich anfangs geübt habe einen Ball zu werfen. Das brauchte Zeit, bis der Ball endlich in die richtige Richtung flog.

Das hat mir aufgezeigt: unser menschlicher Körper ist ein wahres Wunderwerk.
Michel Fornasier alias Bionicman

Was es alles benötigt, um morgens aufzustehen: Die Beine laufen vom Schlafzimmer in die Küche, die Hände greifen nach dem Müesli und dem Löffel. Dazu benötigen wir Feinmotorik, Muskelimpulse, Nerven und vieles mehr. Bei aller Euphorie um Künstliche Intelligenz, Medtech und Robotik sollten wir nie den Menschen vergessen. Der Mensch ist einzigartig und ein Wunder. Zudem hat mich das monatelange Training mit meiner Handprothese, nur um rudimentäre Griffmuster ausführen zu können, auch dankbar gemacht, eine menschliche linke Hand zu haben.

Gibt es Sachen, die Sie lieber ohne Prothese machen?

Ja, es gibt einiges, was ich ohne Prothese immer noch besser kann. Ich habe ja auch ganz lange ohne Prothese gelebt. Beispielsweise die Schnürsenkel meiner Schuhe binde ich auch heute noch viel einfacher ohne Prothese.

Welche Funktionen wünschen Sie sich noch?

Meine bionische Handprothese deckt ca. 15 Prozent der Mobilität einer menschlichen Hand ab. Jetzt kann man sagen, lieber 15 Prozent als gar nichts. Aber es hat doch noch reichlich Luft nach oben. Geschwindigkeit ist zum Beispiel ein Thema. Wenn sich die Finger der Prothese schneller bewegen liessen, wäre das sehr hilfreich. Auch das Gewicht könnte optimiert werden. Die Prothese wiegt 2,8 kg und ist damit ziemlich schwer. Wenn ich die Prothese acht bis neun Stunden trage, spüre ich abends Muskeln, die ich zuvor noch nie bemerkt habe.

Sie sind nicht nur Michel Fornasier, der eine der modernsten Handprothesen trägt. Sie sind auch Superheld Bionicman. Was steckt dahinter?

Bionicman ist ein Comic-Superheld mit bionischer Handprothese und die Gallionsfigur von «Give Children a Hand», einer gemeinnützigen Stiftung, die Kindern mit einer körperlichen Beeinträchtigung den Zugang zu innovativen Handprothesen ermöglicht.

Wie kam es dazu?

Die Kinder sind die Inspiration für Bionicman gewesen. Sie haben mich stets gefragt: «Hast du denn mit dieser Handprothese Superkräfte?» Ich habe das anfangs verneint. Und dann waren sie jeweils enttäuscht und haben wohl gedacht: «Hey, jetzt hat er so eine coole Hand und verfügt nicht mal über Superkräfte, das ist ja voll öde.» Irgendwann habe ich geantwortet: «Ja, man weiss es nicht so genau mit den Superkräften...», und dann rannten die Kinder euphorisch zu Mami und Papi und sagten: «Wenn ich gross bin, möchte ich auch so eine Zauberhand.» So beschlossen David Boller, ein guter Freund von mir, und ich einen Superhelden mit Handicap zu erschaffen. David Boller arbeitete 25 Jahre in den USA für die renommierten Comicverlage Marvel und DC Comics. Er zeichnete Figuren wie Wonder Woman, Superman und Batman. Üblicherweise wird jemand durch eine besondere Gabe zum Superhelden. Bei Bionicman ist es ein Handicap, eine fehlende Hand. Somit ist die Superkraft von Bionicman, vermeintliche Schwächen in Stärken zu verwandeln.

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Und was hat es mit der Stiftung «Give Children a Hand» auf sich?

Als ich mit sieben Jahren beim Orthopäden meine erste Handprothese erhielt, war das für mich ein schauriges Erlebnis. Überall lagen Plastikbeine und -hände. Ich habe mich gefürchtet und es hat meine Beziehung zu Prothesen negativ geprägt. Heute wollen wir mit modernen 3D-Drucker für Kinder Handprothesen herstellen, die wie ein buntes Spielzeug sind. Die Kinder werden im gesamten Prozess miteinbezogen. Sie können ihre «Zauberhand» selber mitgestalten. Neulich wünschte sich ein Junge eine Hulk-grüne Handprothese. Also druckten wir sämtliche Teile der Hand in seiner Lieblingsfarbe und bauten zusätzlich Elemente ein, die im Dunkeln leuchten. Als Bionicman ihm die Prothese überreichte, war der Junge überglücklich und hatte Freudentränen in den Augen. So ist diese Hand für Kinder mehr als ein Stück Kunststoff. Sie ist eine Art Schutzschild, welches sie vor Mobbing schützt und ihr Selbstbewusstsein stärkt.


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